Wie ich einmal aus Versehen in einem Ninja-Trainingscamp landete.

Obwohl ich doch nur zum Unisport wollte! Muss wohl falsch abgebogen sein...

Die Tradition ist ja ein ziemliches Miststück: Sie legt diktatorisch fest, dass man sich nur einmal im Jahr mit Schmackes was vornehmen darf, und zwar zu Neujahr. Meiner Meinung nach ist das ein äußerst ungünstiger Zeitpunkt, um sich was vorzunehmen. Sämtliche Hirnkapazität wird in den Wochen vor Neujahr von anderen Dingen in Anspruch genommen, und man kommt kaum auf gute Ideen.

 

 

Ich dagegen hab mir ein wesentlich klügeres System ausgedacht. In meinem System darf man sich nicht nur zum Jahresanfang, sondern zu allen Anfängen was vornehmen. Beispiel: Am Anfang des Tages nehme ich mir vor, aufzuräumen. Am  Anfang der Woche nehme ich mir vor, jeden Tag zu lernen. Am Anfang einer Party nehme ich mir vor, nicht zuviel zu trinken. Am Anfang der Vorlesung nehme ich vor, die ganze Zeit aufmerksam zuzuhören. Am Anfang des Monats nehme ich mir vor, irrsinnig viel Geld zu sparen. Und am Anfang des Jahres nehme ich mir vor, alle Vorsätze einzuhalten.

 

Dieses bahnbrechende System funktioniert hervorragend und ich bin sehr stolz darauf, aus folgenden Gründen:

  • Man fühlt sich ständig bester Dinge, weil man sich mit sich selber auf produktive Ziele geeinigt hat.
  • Man darf sich selber ständig auf die Schulter klopfen, weil man was geschafft hat.
  • Wenn man was nicht schafft einem eine gute Idee für einen Vorsatz kommt, darf man sich gleich was Neues vornehmen.

 

 

Und weil neulich Semesterbeginn war, hab ich mir gleich mal was exorbitant Großartiges einfallen lassen: Dieses Semester ist es mein Vorsatz, regelmäßig zum Sport zu gehen. Für andere mag das eine Selbstverständlichkeit sein, für mich ist das eine Herausforderung. Normalerweise habe ich nämlich einen sehr starren Sport-Zyklus, und der geht so:

  • Woche 1: Ich gehe motiviert zum Sport und wache eine Stunde später im Wagen der Ambulanz auf, überwacht von zwei ungläubigen Sanitätern, die mitleidig die Köpfe schütteln.
  • Woche 2, erste Hälfte: Ich gehe übermotiviert von meinen Misserfolgen in Woche 1 zum Sport und stelle nach einer halben Stunde fest, dass ich weder Schwitzen noch Prusten noch Keuchen noch Ersticken noch generell Leiden sonderlich spaßig finde.
  • Woche 2, zweite Hälfte: Ich sterbe an Muskelkater.
  • Woche 3: Ich habe auf einmal plötzlich überraschend und unerwartet was anderes vor.
  • Wochen 4 bis unendlich: Ich überzeuge mich selber erfolgreich davon, dass es meiner Zukunft besser tut, wenn ich zuhause bleibe und Computer spiele vor dem Fernseher Chips esse einen wichtigen Text für die Vorlesung lese.

 

Dieses Semester, so mein Vorsatz, soll alles anders werden. Ich habe also Rebecca den Schwur abgenommen, mich jedes Mal, wenn ich nicht zum Sport erscheine, anzurufen und als fett und amorph zu beschimpfen, und bisher klappt das auch ganz gut.

 

Wo ich einmal wöchentlich tausend Tode erleide, will natürlich gut ausgesucht sein. Mannschaftssport fällt weg – zu viele Erinnerungen an pädagogisch wertvolle Grundschul-Sportstunden, in denen ich mich fühlte wie die Ameise unter der Lupe, die langsam im Sonnenstrahl verbrennt. Nur dass der Sonnenstrahl der gebündelte Hass der gesamten Klassenstufe war und die Ameise ein adipöses Nilpferd, das auf den Schultern die Schuld an der Niederlage jedes Teams trug, in das es zum großen Frust der restlichen Mitspieler von überforderten Lehrerinnen zwangseingeteilt wurde, wenn es zum Schluss der Wahlrunde dicklich und aufgeregt schwitzend als einziges noch hinter dem Seitenstreifen saß. Ah, die Macht der Erinnerung.

 

 

Rebecca, die Sportskanone, hat mir einen Kurs namens Aerobic Tai Do empfohlen. Die Kursbeschreibung sagt: „Aerobic Tai Do ist ein effektives Ganzkörpertraining, basierend auf den Grundtechniken des Box- und Kampfsportes. Man wird konditionell stärker, verliert viele Fettanteile, gewinnt an Kraft und Selbstvertrauen.“ – Der Jackpot: Ein Kurs, der alle Probleme auf einmal löst! Nicht nur wird mein puddinghafter Hintern in seine Schranken verwiesen (damit sind meine alten Jeans gemeint), auch der Bauch bekommt sein Fett weg. Meiner Kondition, die der eines rostigen Rollators entspricht, wird endlich auf die Sprünge geholfen. Und wenn ich am Ende des Semesters Einmachgläser, Bierdosen, Türen und meine Augen endlich wieder alleine öffnen kann, hat auch das Krafttraining seinen Zweck erfüllt.

 

 

Meine erste Aerobic Tai Do-Stunde war ein sehr beeindruckendes Erlebnis. Seitdem bin ich der Überzeugung, dass eine asiatische Nation dort in aller Anonymität Nachwuchs-Ninjas trainiert. Das fängt schon vor dem eigentlichen Kursbeginn an: Bevor die Sporthalle ihre Türen für die sportwütigen Jura- und BWL-Studentinnen öffnet, ist nämlich nirgends einer zu sehen. Im Foyer des Sportinstituts herrscht gähnende Leere.

 

 

Dann schlägt die Uhr 19:00 – die Sporthalle wird aufgeschlossen. Ich drücke mich möglichst unauffällig an der Wand entlang, um meinen Platz in der hintersten Ecke einzunehmen, und beginne die Vorbereitung der obligatorischen Sportfrisur.

 

 

Die einzig logische Schlussfolgerung, wie diese Überraschung zustande gekommen sein kann: Vierhundert Ninjas geben gleichzeitig ihre Tarnung auf, manifestieren sich aus dem Nichts und stehen bereit, um von ihrem Meister in den Techniken uralter Geheimkünste geschult zu werden. Meine Motivation strebt kurzzeitig gegen 9000 – hier bin ich richtig.

 

 

Wie kolossal unrichtig ich hier bin, darf ich wenig später feststellen, als der Kurs beginnt und die Musik einsetzt.

 

 

 

Irgendwo am Horizont springt ein maximal noch daumennagelgroßes Männlein auf und ab, schmeißt alle Körperglieder um sich und stößt unartikulierte Schreie aus, um uns zum Mitmachen zu animieren. Ich frage mich noch, ob er das bei der Bundeswehr gelernt hat, dann setzt sich die Horde in Bewegung. Muskeln spannen sich, Schweiß beginnt in Strömen zu fließen. Blicke richten sich konzentriert ins Nichts, um von höheren Zielen geleitet vor der körperlichen Pein ins geistige Nirvana zu fliehen. Es donnert und dröhnt, die Wände beben. Putz bröckelt. Die Herde tobt.

 

Während ich krampfhaft versuche zu imitieren, was die übertrieben muskulösen Sportikonen in der Reihe vor mir an Kunststücken vollführen, steigen beunruhigende Assoziationen in mir auf.

 

 

Dann springen vierhundert Menschen gleichzeitig mit lautem Kampfgebrüll in die Luft. Mein überfordertes Hirn kann den Anblick nur in Slow-Motion verarbeiten.

Ich fühle mich auf einmal sehr, sehr klein.

 

 

Schweiß rinnt mir aus allen Poren. Schaum geifert von meinen blutleeren Lippen. Meine Lungenbläschen prügeln sich im Rachen darum, wer mir als erstes aus Nase und Mund platzen darf. Meine Körperspannung gleicht der einer gekochten Spaghetti.

 

 
Ewigkeiten verstreichen.

Während ich so herumschlackere, stellt sich ein Gefühl der hoffnungsvollen Befriedigung ein. Anderthalb Stunden gehen ziemlich schnell vorüber. Jede Minute pfeift der Oberninja jetzt ab, und wir dürfen nach Hause gehen. Ich spüre das.

Ein vorsichtiger Blick auf die Uhr soll mir die Motivation für den Endspurt verschaffen.

 

 

Ich komme mir nicht besonders attraktiv vor.

 

 

200 Beats pro Sekunde. 400 hüpfende Frauen. 8000 Liter Schweiß. Und dazwischen ich – ein Häuflein Elend, dem sich in genau dieser Minute seine bis dato unbekannte Neigung zur Grobmotorik offenbart. Stur hin- und herstampfen: kein Problem. Arme heben und senken: kein Problem. Irgendwie im Takt bleiben: kein Problem. Alles kombinieren:

 

 

 

Muskeln = 0.

Kondition = 0.

Koordination = 0.

Existenzberechtigung in einem Sportkurs = 0.

 

Quod erat demonstrantum:

 

 

(präsentiert von: Spongetrolla Schwammtropf.)