Trolla kocht.

Manifest gegen die Tiefkühlpizza und der Weg zum Genuss oder: Wie ich lernte, die Brühe zu lieben.

Ich hab große Teile meines Studiums damit verbracht, Mist zu essen.

 

Das lag daran, dass ich nicht kochen konnte. Mein Freund auch nicht. Wenn er mit Kochen dran war, gab’s Sahnesauce. Wenn ich dran war, gab’s Tomatensauce. Die einzige Variation in unserer Ernährung war die Wahl zwischen Reis oder Nudeln. Wir nutzten unsere Küche hauptsächlich als überdimensionierte Ablagefläche, um unsere Sachen irgendwo hinzuwerfen, wenn wir zur Haustür reinkamen. Viele Semester lang war die Tiefkühltruhe im Kaufland unser bester Freund.

 

Bis eines Tages ein gravierendes Problem auftrat, das den meisten Studenten gänzlich unbekannt sein dürfte: Ich stellte fest, dass ich Tiefkühlpizza hasse.

 

Und damit meine ich richtig, richtig hassen. Tiefkühlpizza ist ein Folterinstrument aus der Hölle, mit dem dort unten die ganz bösen Buben einer brutalen Bestrafung unterzogen werden. Tiefkühlpizza ist eine Platte gepresster Eierschalen, garniert mit Sägemehl und lackiert mit Beizmittel für Couchtische. Tiefkühlpizza ist so nahrhaft wie das, was man mit Zahnstochern aus dem Pflasterstein vor der Haustür kratzt. So appetitlich wie alles, was nach dem Ohrenbohren unterm Fingernagel klebenbleibt. So bedeutend für die Kulturgeschichte der Menschheit wie ein Plastik-Hilfsmittel zum Hornhautabschaben an der Ferse. Wer allen Ernstes im Brustton der Überzeugung verkündet, Tiefkühlpizza gehöre zu seinen Lieblingsgerichten, trinkt zum Frühstück sicher auch Terpentin und putzt sich abends die Zähne gelegentlich mit Katzenstreu.

 

Ungefähr zum gleichen Zeitpunkt wie diese Erkenntnis kam unsere erste gemeinsame Wohnung. Wir, die jahrelang in einer lotterigen WG gelebt hatten, in der man ungeachtet der Tageszeit aus Messbechern Bier schlürfte und das Gemüse mit stumpfen Messern direkt auf der Tischplatte auseinanderfledderte (wenn man so glücklich war, ein sauberes Messer zu finden, und keinen Dessertlöffel benutzen musste) – wir hatten plötzlich eine eigene Küche voller gefährlich aussehender Dinge. Auf einmal besaßen wir Schneidebrettchen, Tupperboxen, Messersortimente, beschichtete Pfannen und Töpfe, Reiskocher mit Dämpfeinsatz, Karottenschäler, Käsemesser, Knoblauchpressen, Muskatnusshobel und Salatbesteck.

 

Und da Tiefkühlpizza die Brut des Teufels ist, musste was anderes her. Zu irgendwas sollte ja diese rätselhafte Küchenausrüstung gut sein, in deren Besitz wir uns überraschend wiederfanden. Die Devise hieß ab sofort: Essen selber machen. Millionen von Menschen kriegen das täglich hin, ohne sich dabei versehentlich zu töten. Es muss zu schaffen sein.

 

Also fuhrwerkte ich eifrig und mit stierem Blick jeden Abend in unserer Küche herum, wandelte zwischen schmutzigen Geschirrbergen und kratzte Essensreste aus Töpfen. Ich investierte die letzten Cent aus unserer Haushaltskasse in exotische Zutaten für geheimnisvolle kulinarische Experimente. Ein wenig kam ich mir vor wie der Frankenstein der Gemüseabteilung, wenn ich meinem bemitleidenswertem Freund ungefragt das Resultat meiner neusten missratenen Rezept-Testung unter die Nase schob. Aber es müssen auch Opfer gebracht werden.

 

Kochen erschien wie eine Geheimwissenschaft. Ich war mir sicher, dass es eine Formel geben musste, die den Weg zum ultimativen Gourmet-Erfolg eröffnen würde. Getrieben von dem Streben nach Genuss mischte ich Substanzen wie ein mittelalterlicher Alchimist und brachte gelegentlich Dinge zum Explodieren. Ich kochte alles ein, was mir in die Hände fiel, und verpestete die Nachbarschaft mit Gerüchen, die man sonst nur aus den Schornsteinen einer Chemiefabrik kennt. Die wilden Tiere der Region verschwanden nach und nach, und vor meinem Küchenfenster verwelkten die Bäume. Ein Nachbar zog fluchtartig um. Eine andere Nachbarin schickte mir einen Exorzisten vorbei. Ich bot ihm einen selbstgebackenen Keks an; man sah ihn wenig später mit dem Rücken nach oben den Neckar hinabtreiben, dort treibt er heute noch.

 

Wie vielen unschuldigen Zitronen musste ich den Lebenssaft ausquetschen, bis mein Streben endlich Erfolg zeigte? Wie viele arme Paprika musste ich aufschlitzen, wie viele Eier köpfen, wie viele in Leid erstarrte Fische sezieren, deren vorwurfsvoller Blick aus toten Augen mich bis in meine dunkelsten Albträume verfolgen?

 

Aber nach all den Strapazen kann ich mittlerweile sagen: Die tiefsten Niederungen der Unappetitlichkeit sind erfolgreich durchwandert. Wir sind an einem Punkt angekommen, da man das, was in meinen Kochtöpfen brodelt, langsam wieder essen kann, ohne vorher den Geigerzähler drüber zu schwenken. Und deshalb, weil’s so schön ist, hier ein Foto von etwas Essbarem, das demletzt in meiner Küche gemacht wurde (und überhaupt nicht der Grund ist, diesen Eintrag zu schreiben):

 

 

Ich möchte noch anmerken, dass dieses Foto nicht bis zur Unkenntlichkeit in Photoshop bearbeitet ist. Es ist ganz und gar die Wahrheit. In meiner Küche ist einfach so ein Feuerwerk entstanden, als ich dieses Dessert-Buffet präsentierte. Ich kann inzwischen sogar so fantastabulös kochen, dass mein Essen glitzert. Es macht dabei auch kleine Glitzergeräusche.

 

So schön!

Und damit Ende.