Liebe Frau im Bus.

Was ich zu der Frau im Bus sagen wollte, die meine Kinder als ekelig bezeichnete, während ihre eigenen Blagen im Hintergrund plärrend Popel fraßen.

Liebe Frau im Bus,

ich gebe mir normalerweise alle Mühe, nur das Beste über die Menschen zu denken, denen ich so begegne. Es besteht schließlich immer die Möglichkeit, dass sie alle furchtbar nett sind. Leider haben Sie es heute geschafft, mir so schrecklich unsympathisch zu werden, dass ich diese bescheidene Lebensphilosophie womöglich revidieren muss.

Es war ja völlig in Ordnung, dass Sie, als Sie mich mit der Tüte Nagerkäfig-Einstreu in den Bus einsteigen sahen, neugierig wurden. Es war auch noch völlig in Ordnung, dass Sie nachfragten, wozu ich einen Sack Sägemehl gebrauchen könnte. Es hat mich auch nicht gestört, dass Sie, als ich erklärte, damit einen Käfig auslegen zu wollen, nachfragten, was in dem Käfig denn wohnt. Als ich Ihnen dann aber verriet, dass es sich um zwei Farbratten handelt, fiel Ihnen nur ein Kommentar ein, und mit dem, liebe Frau im Bus, haben Sie es sich mit mir so richtig verdorben:

„Also ich finde ja Ratten ekelhaft!“

 

 

 

Stellen wir uns doch mal einen Augenblick vor, das Ganze hätte sich andersherum abgespielt: Da wären Sie mit einem Beutel Windeln oder womöglich einem Kinderwagen in den Bus eingestiegen und ich hätte gefragt, wozu Sie das brauchen. Dann hätten Sie gesagt: „Für meine Kinder!“ – Und ich hätte angeekelt gesagt: „Kinder! Also, Kinder finde ich schlichtweg widerlich.“

Meinen Sie, dass Sie das sehr höflich von mir gefunden hätten? Ich glaube nicht. Aber ich verrate Ihnen mal was: Da ich ein grundsätzlich höflicher Mensch bin, der eine gute Erziehung genossen hat, hätte ich mit meiner Meinung über Ihre Lärm und Gestank verbreitende Brut hinterm Berg gehalten. Ich finde nämlich, es gehört sich nicht, die Familie fremder Menschen als ekelhaft zu bezeichnen.

Aber wissen Sie was, liebe Frau im Bus, ich möchte ja so ungern, dass Sie ungebildet bleiben, deswegen erzähle ich Ihnen jetzt mal etwas über Ratten. Und wo wir schon dabei sind, verrate ich Ihnen auch gleich, warum ich sogar jedes Recht gehabt hätte, über Ihre Familie die Nase zu rümpfen.

Es gibt viele Argumente, Ratten Kindern vorzuziehen. Im Gegensatz zu Ihren Kindern stören meine Ratten zum Beispiel niemanden. Sie wohnen in ihrem Käfig, laufen gelegentlich durch mein Schlafzimmer und belästigen dabei keinen. Ihre Kinder dagegen sind eine andere Sache: Sie trampeln lautstark durch den Bus, lassen scheppernd ihre Rasseln fallen und erdreisten sich unschuldigen Fahrgästen etwas vorzuplärren, wenn ihr Lieblingsplatz besetzt ist. Sie schreien nach Süßigkeiten und schmieren sich selbige nicht nur über Hemd und Hose, sondern auch über die Sitzpolster und den Nebenmann. Sie rülpsen mit glasigem Blick feuchtschäumende Blasen, sodass man fürchten muss, der Rest des Mittagessens würde auch gleich wieder auftauchen. Sie brechen in lautes Geheul aus, wenn sie sich irgendwo das Näschen stoßen (eine Ratte kann von einem Regal herunterfallen und läuft danach ohne zu murren weiter, versuchen Sie das mal mit Ihrem Kind nachzustellen) und beginnen dann, wenn sie endlich irgendwo sitzen, sich gegenseitig mit den neusten Neuigkeiten aus dem Kindergarten übertrumpfen zu wollen; ein Aufmerksamkeitsgeheische, das nach kürzester Zeit wahlweise in Wutausbrüchen, Geschrei, Geheul, Gejammer oder dem cholerischen Herumwerfen von Spielzeug endet. Sie werden also einsehen, dass meine Ratten Sie unmöglich stören können, Ihre Kinder mich dagegen aber sehr.

Auch in punkto Hygiene haben Ratten viele Vorteile: Farbratten werden zwar meistens nicht älter als zwei Jahre, investieren aber einen Großteil dieser Zeit in Reinlichkeit. Sie können sich selber putzen, sobald sie auf die Welt gekommen sind, und tun das mehrfach am Tag. Anders Kinder: Ständig ist man als Erziehungsverpflichtigter damit beschäftigt, in ein Taschentuch zu speicheln, damit man ihnen Saucenkleckse, Schokolade, Krümel, Erde, Eddingspuren und ominöse klebrige Substanzen aus dem Gesicht wischen kann.
Aber nicht nur die Kinder selber müssen gewischt werden, auch ihre Kleidung befindet sich in einem Dauerzustand der Verschmutzung: Grasflecken, Schweiß, Essensreste, Urinspuren, fantasievolle Malereien und bröckliges Erbrochenes führen schnell dazu, dass der Nachwuchs Gerüche verbreitet, wie man sie sonst nur aus einer überfüllten Biotonne kennt.
Während Sie, liebe Frau im Bus, also damit beschäftigt sind, Ihr plärrendes Kind jeden Tag mehrfach von seinen körpereigenen Sekreten zu befreien und die restliche Zeit damit verbringen, die Waschmaschine aus- oder einzuräumen, fege ich einmal die Woche ganz entspannt den Rattenkäfig aus und habe damit mein Werk getan.

Das ist aber noch längst nicht alles. Ratten lernen in kürzester Zeit, dass es keine gute Idee ist, überall in der eigenen Wohnung Exkremente zu verteilen, geschweige denn sie an sich selbst herumzutragen. Im Gegensatz zu Kindern brauchen sie keine zwei Jahre, bis sie verstanden haben, wie man eine Toilette benutzt. Drückt der Ratte die Blase, sucht sie eine eigens dafür eingerichtete Ecke im Käfig auf und verrichtet in aller Unauffälligkeit ihr Geschäft. Kinder dagegen knödeln sich fröhlich in Windeln, Hosen und Badewasser und tragen die Ergebnisse enthusiastisch mit wehender Fahne durch die Gegend, damit auch ja jeder davon Wind bekommt – egal ob es Mama oder Papa oder sich unglücklicherweise in der Nähe befindliche Passanten sind. Und während das Klo meiner Ratten keinen außer sie und mich was angeht, sind Sie, liebe Frau im Bus, mit der hektischen Suche nach einer öffentlichen Toilette beschäftigt, kaum dass die Windel gefüllt ist, um dort alle bemitleidenswerten anderen Gäste zu verscheuchen, indem Sie die Büchse der Pandora öffnen und die bestialischen Gase verbreiten, die Ihr Kind so zusammenverdaut hat.

Also, liebe Frau im Bus, wenn Sie es schaffen, mir eine einzige Farbratte zu zeigen, die schmutziger ist als Ihre dreckverkrusteten Sprösslinge (von denen sich während unseres kurzen Gespräches übrigens eines mit klebrigen Fingern meditativ in der Nase bohrte, um die Fundstücke nach intensiver Begutachtung zu verspeisen), die unangenehmer riecht als ein mit Exkrementen und Erbrochenem besudeltes Kind und die mehr Menschen störend auffällt als Ihr unappetitlicher Nachwuchs – dann haben Sie vielleicht die Berechtigung, sich abfällig über meine Ratten zu äußern. Selbst wenn es dann immer noch höflicher wäre, sich zurückzuhalten.

Bis dahin hoffe ich allerdings, dass Ihre Kinder Sie auf Hochtouren halten, damit Sie Mitte vierzig Mundgeruch und ein Magengeschwür bekommen.

Liebste Grüße,
Trolla.

 

 

PS: