Lauter traurige Geschichten.

Das Leben ist nicht immer nur zum Lachen. Deshalb gibt's heute zur Abwechslung mal was Trauriges.

Sehet, wer da steigt wie Phönix aus der Asche, bis zum Rand erfüllt mit neuer Kraft und frischem Tatendrang!!1eins!

 

 

Naja – die Wahrheit sieht etwas weniger imposant aus.

 

 

Ein Lebenszeichen aus dem Hause Glong – wer hätte das gedacht. In den letzten Wochen habe ich mich überaus unlustig gefühlt. Es ist auch gar nichts Unterhaltsames passiert, das ich euch in fröhlicher Weise hätte berichten können. Deshalb erzähle ich euch heute lauter traurige Geschichten. Lesen auf eigene Gefahr. Für tränenüberschwemmte Tastaturen wird keine Haftung übernommen. Pro-Tipp: Jahresvorrat Taschentücher bereithalten.

 

 

 

Erste traurige Geschichte, in der ein großer Haufen Sperrmüll entsteht.

 

Unsere Wohnung ist zu 80% mit Zeug eingerichtet, das andere Menschen bei diversen Haushaltsauflösungen beinah weggeworfen hätten. (Die restlichen 20% setzen sich aus Zeug zusammen, das wir in Nacht-und-Nebel-Aktionen vom Sperrmüll gekapert haben, und Zeug, das ich im Rahmen meiner gewaltigen Frustrationseinkäufe aus den Tiefen staubiger Grabbelkisten gezogen habe. Richtige Möbel sind ein Luxus für Leute, die keine besseren Ideen haben, was mit ihrem Geld anzufangen sei – oder so versuche ich mir das immer einzureden.) Dementsprechend hoch ist das Sperrmüllpotenzial bei uns.

 

Ständig hat man unerwarteterweise abbe Schranktüren in der Hand oder findet die Besitztümer von anderen Leuten in den Sofakissen. Zum Beispiel eine beeindruckende Sammlung von haarigen Haargummis, Bleistiftstummeln, Taschentüchern und alten Einkaufszetteln, die die Katze der Tante meines Freundes tief in den Polstern versteckt hatte. Das ist ja schon sehr traurig, aber wartet ab.

 

 

Auch unsere Küchenstühle sind ein Thema für sich. Wir haben sie aus dem Haushalt meiner Eltern. Eigentlich sollten sie bei deren letzten Umzug weggeworfen werden – berechtigterweise: Die Stühle stehen so stabil wie ein grobmotorisch veranlangter Mensch, der versucht, sturzbetrunken auf einem Hochseil zu balancieren. Stattdessen wurden sie mir aus mehreren hundert Kilometern Entfernung in den Wohnheimkeller geschickt (Argument: „Kann man immer mal gebrauchen!“). Dort standen sie eine sehr lange Zeit, belegten den gesamten Kellerraum unserer WG, verursachten Mitbewohnern, die auch gerne etwas dort abstellen wollten, Aggressionen, und sammelten Staub. Dann fanden mein Freund und ich mehr oder minder zufällig eine gemeinsame Wohnung, und seitdem bereiten sie uns ein abenteuerlich wackeliges Alltagsleben. Jedes Mal, wenn man am Esstisch sitzt, kommt man sich vor wie auf einer Kirmes-Attraktion. Das allein wäre ja schon schrecklich traurig, aber gleich wird es noch viel trauriger.

 

Letztens hat sich jedenfalls wieder einmal das gesamte Sperrmüll-Potenzial unserer Wohnung auf einen Schlag entladen. Leidtragender war mein Freund. Gerade lag ich auf dem Sofa in unserer Küche (das wir von einer Kommilitonin geschenkt bekommen haben, die es selber geschenkt bekommen hatte und es wegwerfen wollte), da hörte ich einen lauten Krach, und dann passierten mehrere Dinge auf einmal, zum Beispiel fiel mein Freund aus allem Wolken und alles mögliche ging kaputt.

 

Mein Freund schilderte die Szene später so:

 

 

Und das war so unendlich traurig, weil der gute Tee verschwendet wurde, weil wir jetzt eine Tasse weniger und einen Haufen Sperrmüll in der Küche mehr haben; weil es Gesetze geben sollte, die Küchenstühlen verbieten sollten, einem so mir nichts, dir nichts unter dem Hintern wegzubrechen; und weil überhaupt. – !!!

 

 

 

Zweite traurige Geschichte, in der ein schwerwiegendes Problem aufgedeckt wird.

 

Das Studium sollte sich ja, würde es ordnungsgemäß geführt, demnächst einem ersten Ende zuneigen. Letztens unterhielt ich mich nichtsahnend mit einer Kommilitonin darüber, was dann passiert. In meiner Vorstellung durchschreitet man ja mit einem Studienabschluss das erste Tor auf dem Weg zum wolkigen Gipfel der Erleuchtung, während einem die Weisheit in Reinform aus den Augen strahlt und im Hintergrund die Engelein Glanz und Gloria trällern.

 

In ihrer Vorstellung sah das Ganze etwas pragmatischer aus: Da ist der Studienabschluss nur ein Wisch, der einen dazu berechtigt, irgendwo anders weiterzustudieren. Das hat mich ja schon direkt wieder außerordentlich traurig gemacht, aber es wurde dann sogar noch trauriger, als sie mir bezüglich dieses „irgendwo anders“ einige unschöne Dinge mitzuteilen hatte.

 

 

So traurig!

 

 

 

Dritte traurige Geschichte, in der ein Plan verhindert wird.

 

Neulich fiel mir auf, dass ich dringend eine neue Pyjamahose brauche. Das Problem ist, dass ich mitten in einem Pyjamahosen-Teufelskreis stecke: Ich trage hier zu Hause nichts anderes, also verschleißen die guten Stücke ziemlich schnell. Was verschlissen ist, wird in den Rattenkäfig gesteckt, damit es dort bis zur Unkenntlichkeit verstümmelt werden kann. Naheliegend wäre nun, sich eine neue Pyjamahose zu kaufen, um die dadurch entstandene Lücke zu füllen. Hier beginnen die Schwierigkeiten: Ich weiß nicht, wie man Pyjamahosen kauft. Jahrelang speiste sich meine recht ansehnliche Pyjamasammlung aus der Tradition meiner Oma, mir jedes Jahr zu Weihnachten einen neuen Schlafanzug zu schenken. Weil meine Oma aber findet, dass mittlerweile zu alt für sowas sind (welch Irrglaube!), hat sie das inzwischen aufgehört. Ich schmeiße also regelmäßig Pyjamas weg, ohne dass Ersatz geschaffen wird; mit dem Ergebnis, dass ich nur noch eine einzige Pyjamahose besitze, und das ist ja an sich schon eine traurige Geschichte, aber es kommt gleich noch viel trauriger.

 

Letzte Woche nämlich nahmen diese dramatischen Missstände Überhand. Das realisierte ich, als ich mich dabei erwischte, abends vor dem Schlafengehen ellebogentief im Wäschekorb zu wühlen, um die Pyjamahose, die ich morgens hineingeworfen hatte, wieder rauszuholen. Dabei musste ich feststellen, dass ich sie aus gutem Grund in die Wäsche geworfen hatte: Erstens war sie reichlich dekoriert mit Kaffee- und Milchflecken, weil ich offenbar kurzzeitig Parkinson entwickle, wenn ich versuche, Flüssigkeiten zu mir zu nehmen. Zweitens hatte mir eine der Ratten ans Bein gepinkelt. Und außerdem stank sie nach Abfall, weil ich damit aus Versehen gegen die Restmülltonne gelaufen war, die bei uns aus ominösen Gründen immer bis kurz vor dem Überquellen befüllt ist.

 

 

Sich in dieses vor Dreck und Abscheulichkeiten starrende Kleidungsstück zu hüllen, wäre einer Beschneidung der Menschenrechte meines Freundes gleichgekommen, der ja schließlich die ganze Nacht neben mir im Bett liegen muss. Also steckte ich die Pyjamahose zurück in die Wäsche und verbrachte eine furchtbar ungemütliche Nacht im Nachthemd, in der ich meine Pyjamahose so schrecklich vermisste, dass ich beinah von ihr geträumt hätte. Das könnte ja schon der Höhepunkt meiner traurigen Geschichte sein, aber es wird sogar noch trauriger.

 

Am nächsten Tag versuchte ich nämlich, Ersatz für meine Pyjamahose zu finden.

 

 

Es stellte sich heraus, dass es keinen gibt. Meine Pyjamahose ist nicht zu ersetzen. Keine Pyjamahose in der ganzen Stadt entspricht auch nur ansatzweise dem, was ich als „tragbares Kleidungsstück“ klassifizieren kann. Deshalb hab ich bis heute nur eine einzige Pyjamahose, und das ist so unfassbar schrecklich dramatisch traurig (findet übrigens auch mein Freund), dass es den Höhepunkt und Abschluss meiner Sammlung trauriger Geschichten bildet.